Finishing 6 – DEL-Spieltage 10 & 11

Ein Eishockeyspiel beginnt mit den Starting 6, den Rückblick auf das DEL-Wochenende gibt es hier in den Finishing 6.

#1 SPITZENSPIEL STRAUBING – MANNHEIM

Die Straubing Tigers haben sich erst einmal an der Tabellenspitze festgesetzt, nur der EHC Red Bull München mit der perfekten Bilanz von 33 Punkten aus den ersten elf Spielen ist besser. Am Sonntag empfingen die Straubing Tigers die Adler Mannheim zum Spitzenspiel und zogen mit einem 3:1-Sieg in der Tabelle am Deutschen Meister vorbei. Das Penaltykilling ist weiter überragend (92,73 %, nur vier Gegentore) und vorne finden die Niederbayern Wege, Tore zu erzielen. Oder sie lassen sich halt einladen, wie beim 1:0 von Chase Balisy, als sich Andrew Desjardins und Dennis Endras nicht einig waren und Balisy nur noch abstauben musste. Wie später Sena Acolatse erzielte er sein erstes DEL-Tor. Das x-te Beispiel für die Tiefe, die die Straubing Tigers in dieser Saison in ihrem Kader haben.

Die haben die Adler Mannheim natürlich auch. Der größte Unterschied zwischen den beiden Mannschaften war in Einstellung, Einsatz- und Laufbereitschaft zu finden. Die Tigers zogen ihren harten Forecheck und die konsequente Arbeit in der neutralen Zone und in den Ecken durch. Die Adler waren teilweise nicht bereit, einen Schritt mehr zu machen. So hatte Straubing die besseren Chancen, der 3:1-Sieg geht in Ordnung. Am Donnerstag gibt es das Duell Zweiter gegen Erster, wenn die Straubing Tigers versuchen, die Siegesserie des EHC Red Bull München zu beenden.

#2 EIN GESICHT DES STRAUBINGER ERFOLGS: SENA ACOLATSE

„You never get a second change to make a first impression.” Sein Rüpel-Image wird Sena Acolatse wohl nicht so schnell los.

Menschen ändern sich, Eishockeyspieler auch. Sena Acolatse hat vor der Saison angekündigt, seine Spielweise umzustellen. Mit 173 Strafminuten war er in der Vorsaison Strafbankkönig. Er war Spezialist für Checks gegen den Kopf und Raufereien. In der neuen Saison hat Acolatse in acht Spielen zwei Strafzeiten bekommen, eine für einen Stockschlag, eine für Haken. Mit 17 Blocks hat Acolatse die meisten der Liga, sein +/- Wert von +8 wird nur von vier Spielern übertroffen, drei davon spielen in München. Dabei ist Acolatse meistens gegen die besten Sturmreihen der Gegner auf dem Eis. Gegen Mannheim schoss er sein erstes Tor für die Straubing Tigers. Aber das ist gar nicht unbedingt sein Job. Sena Acolatse ist aktuell einer der besten Defensivverteidiger der DEL.

#3 ZU VIELE STARKÖCHE VERDERBEN DAS 5-STERNE-MENÜ

Die Mannheimer Powerplay-Formation Mark Katic/Markus Eisenschmid/Andrew Desjardins/David Wolf/Chad Kolarik war in der Vorsaison eine der gefährlichsten der Liga. Jeder kannte seine Rolle, mit Eisenschmid (zwölf Powerplaytore) gab es einen klaren Go-to-Guy, der mit Katic einen perfekten Zuarbeiter hatte. Wenn der Pass von Katic und der Onetimer von Eisenschmid nicht funktionierte, hatten die Adler eine zweite oder dritte Option, Tore zu erzielen. Jetzt ist Kolarik weg, Wolf verletzt und Eisenschmid nach seiner Verletzung noch nicht wieder bei 100 Prozent. Jan-Mikael Järvinen und Borna Rendulic sind die beiden neuen Spieler in dieser Mannheimer Überzahl-Formation. Aber es läuft noch nicht so richtig. Die Aufgabenverteilung passt nicht, man hat das Gefühl, jeder will zu viel seiner individuellen Fähigkeiten in das Powerplay stecken. Ein gutes Powerplay ist einfach, schnell geradlinig. Viele gute Einzelspieler sind von Vorteil. Sie alleine reichen aber noch nicht.

#4 STÜTZLES DRAFT-RANKING

Die beste Mannheimer Sturmreihe bilden aktuell Ben Smith, Tommi Huhtala und Tim Stützle. Der 17-Jährige spielte auch in Straubing wieder bemerkenswert abgeklärt. Vergangene Woche twitterte der Schweizer Eishockeyfachmann und NHL-Scout Thomas Roost, dass er sich im Draft nächstes Jahr für Stützle alles vorstellen kann.

Ich äußerte meine Skepsis, dass er tatsächlich so hoch gepickt wird. Es entwickelte sich daraufhin ein kleiner „Round Table“ auf Twitter. Hier die Diskussion mit Roos und Markus Reinhold (@le_affan), der sich schon lange intensiv mit Draft-Rankings beschäftigt.

Ich: Wenn Stützle nie Center spielt in dieser Saison, dann wird das wohl sein Ranking beeinflussen. Sollte er mehrere Spiele als Center bekommen – etwa wegen Verletzungen – ändert das die Sache. Ich glaube aber, dass „Can also play at center“ nicht reichen wird, das werden die Scouts auf DEL-Niveau sehen wollen. Upside ist natürlich sein Spielertyp „playmaking winger“, der aktuell im Trend ist. Dazu kann er in der DEL nicht nur locker mitspielen, sondern phasenweise dominieren. Und wir sind erst am Anfang der Saison. Ich denke aber, dass er durch seine Mitspieler noch einmal stärker gemacht wird. Ich würde gerne Alex Lafrenière, aktuell für viele Nummer eins im Draft 2020, mal für ein paar Spiele an der Seite von Ben Smith und Tommi Huhtala sehen.

Thomas Roost: Es kann durchaus sein, dass ich Stützle momentan „overrate“. Scouting ist keine exakte Wissenschaft und auch die erfahrensten Scouts „wissen“ sehr viel weniger als Außenstehende glauben.

Ich: Der Faktor Europa wird – auch wenn das Standing des deutschen Eishockeys durch Olympia und Seider gestiegen ist – wohl trotzdem eine Rolle spielen.

Roost: Ja, das mag in der Nuance stimmen. Aber Seider wurde auch früh gedraftet, früher als viele Scoutingservices angekündigt haben. Wenn man gut ist, ist man gut – egal, ob in Kanada, Deutschland, Äthiopien oder Monaco. Und die Scouts sollten das erkennen können. Auch die große Eisfläche in Europa spielt eine untergeordnete Rolle. Auston Matthews, Patrik Laine, Rasmus Dahlin und all die vielen gedrafteten Schweden und Finnen haben ihr Draftjahr auf großen Eisflächen gespielt. Die Unterschiede zwischen dem Eishockey in Nordamerika und Europa sind wesentlich kleiner als noch vor 20 Jahren.

Reinhold: Als entscheidenden Faktor sehe ich hier immer die Präferenzen des Teams, das gerade im Draft an der Reihe ist. Ich beobachte Draft-Rankings jetzt schon seit einigen Jahren und der durch sie geschaffene Konsens (wenn das so bezeichnet werden kann) wurde mindestens seit 2016 immer schon recht schnell durchbrochen. Frühestens an dritter, spätestens an fünfter Position. Eine Scoutingabteilung hat den betreffenden Spieler eben anders bewertet als einen anderen, der im Schnitt höher eingeschätzt wurde. Seider ist ein typisches Beispiel für dieses Phänomen. Und das Potenzial für analoge Entwicklungen sehe ich mit mehreren Kandidaten auch für 2020, Stützle gehört zu diesen. Im Übrigen liegt hier das Alleinstellungsmerkmal von Rankings wie dem von Bob McKenzie, das eben durch Auswertung von Rückmeldungen durch die Teams entsteht und dadurch im Endeffekt oft näher am eigentlichen Ausgang des Drafts liegt als andere, die lediglich selber bewerten.

#5 DIE RUHE IN PERSON: HENDRIK HANE

Viel war in dieser Saison schon die Rede von den Stützles, Peterkas, Reichels, Schützs dieser Liga. Die meisten der vielversprechenden Nachwuchsspieler sind Stürmer. Bei der Düsseldorfer EG steht dagegen ein Teenager im Tor. Hendrik Hane ist im September 19 geworden, das 3:2 nach Penaltyschießen in Schwenningen war sein zweiter Start in der DEL – und sein zweiter Sieg. Der Kollege Bernd Schwickerath von den Shorthanded News mit seiner Einschätzung:

Als Torwart hast Du in diesem Alter einen ganz anderen Druck als zum Beispiel als Stürmer. Hane hat in Iserlohn 23 von 25 Schüssen gehalten, in Schwenningen 31 von 33, dazu sieben von acht Penaltys. Die gegnerischen Stürmer sind alleine auf ihn zugelaufen, ihm war in Unterzahl die Sicht verdeckt und trotzdem hat er die Schüsse gehalten. Er hat eine unfassbare Ruhe. Ich weiß nicht, wo er die herholt. Das ist schon bemerkenswert in diesem Alter. Beide seine Spiele waren auswärts in Hallen, in denen es laut ist. Beide Male war die Düsseldorfer EG Favorit, hat aber nicht besonders gut gespielt und viele Chancen zugelassen. Trotzdem spielt er so stark und lässt in den beiden Spielen in Iserlohn und Schwenningen nur ein einziges Gegentor im Fünf-gegen-fünf zu. Man darf auch nicht vergessen, dass Hane nicht so viel Einsatzzeit bekommt, weil er Mathias Niederberger vor sich hat. Ich glaube, dass die DEG da ein richtig gutes Duo hat – dazu noch beide in Düsseldorf geboren und beide aus der eigenen Jugend.

Bernd Schwickerath über DEG-Torwart Hendrik Hane

#6 FINISHING UP

  • Die DEL ist aktuell die Liga der langen Serien. München mit elf Siegen in Serie, Berlin mit vier, Schwenningen mit fünf Niederlagen in Serie, Wolfsburg und Krefeld sogar mit sieben.
  • Marcel Müller hat seine Leidenszeit beendet. Nach 511 Tagen Verletzungspause kehrte er beim Spiel der Kölner Haie gegen die Augsburger Panther zurück aufs Eis.
  • Wer wie die Düsseldorfer EG einen großen Umbruch hinter sich hat, trotzdem vorne dabei ist und die beste Tordifferenz sowie die zweitbeste Quote bei den Special Teams hat, hat wohl auch einen guten Trainer (Harold Kreis) und einen guten Manager (Niki Mondt).
  • Ein sehr entscheidender Faktor für das gute Düsseldorfer Powerplay ist Reid Gardiner. Harter Schuss, gutes Auge, seine neun Powerplay-Punkte sind Ligaspitze.
  • Ich bin gespannt, wie sich das Rennen um den „Rookie des Jahres“ entwickelt. Aktuell hat Lukas Reichel genauso viele Scorerpunkte wie Tim Stützle, aber zwei Tore mehr geschossen (4:2).
  • 129:43 Minuten Eiszeit für Justin Schütz in dieser Saison, dabei stand er nur bei einem einzigen Gegentor auf dem Eis. Und das fiel auch noch bei gegnerischer Überzahl im Spiel gegen Mannheim.
  • Die zwölf Augsburger Powerplay-Tore verteilen sich auf drei Spieler: Simon Sezemsky (6), Adam Payerl (4) und Brady Lamb (2). Alle drei trafen bis jetzt nur in Überzahl.
  • Mit dem 21-jährigen Luca Gläser (zwei Tore für die Fischtown Pinguins gegen die Schwenninger Wild Wings) und dem 20-jährigen Fabian Dietz (ein Tor für die Eisbären Berlin gegen die Krefeld Pinguine) erzielten die nächsten beiden jungen deutschen Spieler ihre ersten DEL-Tore.

Das war’s mit den Finishing 6. Bis nächste Woche. Habe die Ehre.