Finishing 6 – DEL-Spieltage 12 & 13

Ein Eishockeyspiel beginnt mit den Starting 6, den Rückblick auf das DEL-Wochenende gibt es hier in den Finishing 6.

#1 ELF UND AUS: STRAUBING BEENDET MÜNCHENS STARTREKORD

Ich habe in dieser Saison vielleicht schon zu oft über die Straubing Tigers geschrieben. Aber sie sind eben auch bisher DIE Geschichte der Saison, haben am Donnerstag mit einem 5:1 den Startrekord des EHC Red Bull München von elf Siegen in Serie beendet und diesen Erfolg mit einem 3:2 in Ingolstadt veredelt. Deswegen noch einmal ein paar Gründe für die starke Straubinger Saison:

  • Tiefe: Jeremy Williams und Mike Connolly blieben am Wochenende ohne Punkt, aus der Topreihe sammelte einzig Stefan Loibl beim Empty Net Goal gegen München einen Assist. Die acht Tore schossen Mouillerat, Eriksson (je zwei), Brunnhuber, Laganière, Brandt und Acolatse. Vier Tore durch den tief besetzten Sturm, dazu vier Verteidigertore. Die Tigers sind viel mehr als ihre Topreihe Williams/Connolly/Loibl.
  • Vielseitigkeit: Einzig ein Shorthander fehlte den Tigers am Wochenende. Sonst trafen sie auf fast jede erdenkliche Art und Weise: In Überzahl, per Konter, nach gewonnenem Duell an der Bande, nach Pass in den Slot, per abgefälschtem Schuss. Die Tigers sind keine One Trick Ponys.
  • Modernes Eishockey: Viel Scheibenbesitz, kontrollierter Aufbau, vier Reihen, die scoren können, schlittschuh- und stocktechnisch gute Verteidiger – die Tigers haben die Entwicklungen im Eishockey wie kaum ein anderes Team in der Liga mitgemacht.
  • Special Teams: Je ein Gegentor in Unterzahl gab es gegen München und Ingolstadt. Aber gegen München überstanden die Tigers eine 3-gegen-5-Situation, die Unterzahl-Quote ist mit 90,9 % weiter die beste der Liga, das Powerplay (25 %) das drittbeste, die Summe der Special-Teams-Quoten (115,9 %) ist Ligaspitze, die Tordifferenz in den Special Teams (+4) wird nur von der Düsseldorfer EG (+8) übertroffen.
  • Sebastian Vogl: Die Straubinger Nummer eins Jeff Zatkoff fehlte sechs Spiele verletzt, Sebastian Vogl vertrat ihn (auch im Spitzenspiel gegen München) exzellent. Gegen Ingolstadt kehrte Zatkoff mit einem Sieg zurück. Trainer Tom Pokel weiß, dass er auf Vogl zählen kann und sollte das regelmäßig tun. Nur so bleibt auch der Backup im Rhythmus.
  • Heimstärke: Meister Mannheim zu Hause geschlagen, Vizemeister München zu Hause geschlagen. Straubing ist in der Heimtabelle mit sechs Siegen aus sieben Spielen Zweiter und hat das beste Torverhältnis.  
  • Tom Pokel: All das hat natürlich mit Tom Pokel und seinem Trainerteam zu tun. Er hat das richtige Gefühl für Anpassungen im Line-up, er hat die Special Teams entwickelt, er hat seine Spieler im Griff (I’m looking at you, Sena Acolatse).

#2 EIN DERBYSIEG ALS TURNAROUND?

Die Kölner Haie spielten bis zum rheinischen Derby gegen den Düsseldorfer EG keine gute Saison. Zu wenig Tore, zu schwache Special Teams, zu viele individuelle Fehler, zu viele verlorene Laufduelle in der Defensive. Aber mit dem 4:1 im Derby haben die Haie jetzt drei Spiele in Folge gewonnen. Auch wenn das prestigeträchtige Duell mit der DEG spielerisch nicht hochklassig war, zeigten die Haie eine überzeugende Leistung, zogen die Zuschauer mit viel Einsatz auf ihre Seite – und erzielten endlich auch einmal Tore. Die weiter sehr mageren 26 Treffer (genau zwei pro Spiel) werden zwar nur von Iserlohn unterboten. Aber gegen die DEG gelang Jason Bast sein erstes DEL-Tor für Köln, Jakub Kindl traf wie schon am Freitag gegen Schwenningen mit hartem Schlagschuss, mit Kevin Gagné war ein weiterer Verteidiger erfolgreich. Die Powerplay-Treffer am Freitag gegen Schwenningen sollten zusätzlichen Optimismus geben, auch im Überzahl hakte es ja bis jetzt.

Mike Stewart verzichtete gegen die DEG auf einen harten Forecheck, ließ nur einen Stürmer vorne draufgehen und seine Mannschaft mit vier Mann die neutrale Zone abriegeln. Der Plan ging auf. Die Düsseldorfer EG, die am Freitag noch die Eisbären Berlin förmlich überrannt hatte, kam nur selten mit Tempo ins Kölner Drittel.

#3 HANNIBAL WEITZMANN MIT STARKEM DERBY-DEBÜT

Man könnte nervös sein, wenn man in Köln aufgewachsen ist, in der Jugend für den KEC gespielt hat und in einer nicht ganz einfachen sportlichen Situation vor 17.129 Zuschauern sein erstes Derby spielt. Oder man kann es machen wie Hannibal Weitzmann. Im Interview vor dem Spiel tiefenentspannt („Ich hab‘ Bock“), während der 60 Minuten ruhig, souverän und mit starken Paraden. Hannibal Weitzman bekam am Wochenende 48 Schüsse auf sein Tor, nur zwei waren drin, das ergibt eine Save-Percentage von 95,8 Prozent. Gustaf Wesslau fällt erst einmal aus, Haie-Trainer Mike Stewart weiß, dass er sich keine Sorgen machen muss. Wesslau hat in dieser Saison schon gewackelt, Weitzmann nicht. Es spielen so viele gute deutsche Torhüter in der DEL, dass sich manche Clubs in Zukunft Gedanken machen sollten, ob sie überhaupt eine Kontingentstelle mit einem Goalie besetzen wollen.  

#4 TEMPO, ÜBERSICHT, SPIELWITZ: ALEX BARTA IN TOPFORM

Mit der Derby-Niederlage endete für die Düsseldorfer EG eine Serie von zehn Spielen, in denen es immer Punkte gab. Mit nur zehn Stürmern ging der DEG in Köln irgendwann die Puste aus. Dafür war das 4:0 am Freitag gegen die Eisbären Berlin umso überzeugender. Einer der Düsseldorfer Sieggaranten war Alexander Barta mit drei Assists, darunter ein Rückhand-Zauberpass auf Maximilian Kammerer. Auch im Derby legte Barta den Führungstreffer von Chad Nehring auf. Er ist weiter einer der besten Playmaker der Liga und steht mit seinem geradlinigen, schnörkellosen Eishockey auch stellvertretend für den Spielstil, der sich in der Liga immer mehr durchsetzt (mehr dazu nächste Woche). Barta lässt sich auch nicht davon stoppen, dass er nach Alexei Dmitriev und Maxi Kammerer vor zwei Jahren sowie Jaedon Descheneau und Philip Gogulla in der Vorsaison jetzt mit Kammerer und Reid Gardiner wieder zwei neue Reihenpartner hat. Die Konstante ist Alexander Barta, der mit Tempo, Übersicht und Spielwitz heraussticht.

#5 STÜTZLES FÜNF-PUNKTE-SHOW

Ein Tor, vier Vorlagen – beim 8:3-Sieg der Adler Mannheim gegen die Augsburger Panther setzte Tim Stützle das nächste Ausrufezeichen. Den Rückhand-No-Look-Pass auf Ben Smith zum 6:3 schüttelte Stützle spielerisch aus dem Handgelenk, den satten Onetimer nach Flip-Pass von Smith zum 7:3 ließ er deutlich leichter aussehen als er war. Es war das erste Fünf-Punkte-Spiel eines 17-Jährigen in der DEL.

So viel Spielfreude die Adler Mannheim gegen Augsburg zeigten, so viel davon ließen sie am Sonntag beim 1:6 im Derby bei den Schwenninger Wild Wings vermissen. Der Meister ist noch weit von der Dominanz und Souveränität der Vorsaison entfernt. Vor allem die Defensive macht Probleme. Drei Gegentore pro Spiel kassierten die Adler, mehr sind es nur bei Krefeld (14.), Schwenningen (13.) und Augsburg (10.). Zum Vergleich: München hat weniger als zwei Gegentore pro Spiel kassiert. Die ersten beiden Gegentore in Schwenningen fielen nach Kontern, die anderen vier in Mannheimer Unterzahl. Mannheim spielte acht Mal in Unterzahl. Eine weitere Statistik sticht noch heraus: Die Adler haben erst zwei Verteidigertore erzielt. Bei München sind es elf.

#6 FINISHING UP

  • Die Serien von München (elf Siege), Berlin (vier Siege), Schwenningen (sechs Niederlagen) und Wolfsburg (sieben Niederlagen) enden, die der Krefeld Pinguine geht weiter. Nach neun Niederlagen am Stück sind die Pinguine wieder einmal Tabellenletzter.
  • Der EHC Red Bull München hat zwölf von 13 Spielen gewonnen, obwohl die Personaldecke immer dünner wird. Verletzungen und Sperren haben schon zu 40 „man games lost“ der Stammspieler geführt. Am Wochenende bestritten der 18-jährige Filip Varejcka und der 19-jährige Bastian Eckl aus der Akademie ihre ersten DEL-Spiele.
  • Die Fischtown Pinguins halten sich vorne, sie sind Dritter. Es ist irgendwie typisch, dass das im Schatten des noch etwas stärkeren Starts der Straubing Tigers fast ein wenig untergeht. Beim 4:0 gegen die Augsburger Panther gelang Tomas Pöpperle der dritte Shutout, Liga-Bestwert.
  • Martin Jiranek kehrte am Freitag als Co-Trainer der Fischtown Pinguins nach Nürnberg zurück, wo er sich als Spieler Legendenstatus erarbeitet hat und lange auch als Sportdirektor und Trainer arbeitete. Der Empfang war herzlich, die Punkte behielten die Nürnberger aber lieber daheim.
  • Niklas Treutle bekam am Wochenende 98 Schüsse auf sein Tor. Die Ice Tigers gewannen gegen Bremerhaven mit 6:2 und verloren gegen Berlin mit 2:6. Diese Zahlen fassen die bisherige Saison der Ice Tigers recht gut zusammen. So wirklich greifbar sind sie für mich nicht.
  • Mit Landon Ferraro ist nicht nur ein bekannter Name neu in der Liga (Vater Ray erzielte in über 1.000 NHL-Spielen 476 Tore und arbeitet jetzt als TV-Experte), Ferraro junior erinnert auch in seiner Art enorm an seinen Vater. Am Freitag führte sich Ferraro mit einem harten, aber fairen Check gegen Düsseldorfs Tobias Eder in die Liga ein, am Sonntag machte er gegen die Thomas Sabo Ice Tigers ein Vier-Punkte-Spiel (zwei Tore, zwei Assists). Landon Ferraro spielte einmal an der Seite von Maxim Lapierre und Lukas Reichel, einmal neben Louis-Marc Aubry und André Rankel (beide ebenfalls mit vier Punkten). Er bringt neben Härte viel Tempo und Zug zum Tor mit.
  • Die Eisbären Berlin haben ein Heim- und ein Auswärtsgesicht, das zeigte auch das vergangene Wochenende. Fünfter Sieg im fünften Heimspiel, davor fünfte Niederlage im siebten Auswärtsspiel.
  • Die Augsburger Panther haben dagegen ein DEL- und ein CHL-Gesicht. In der Champions Hockey League zogen sie wie der EHC Red Bull München und die Adler Mannheim ins Achtelfinale ein, in der DEL folgte auf das erste Sechs-Punkte-Wochenende eine Nullnummer mit Gegentorflut: 3:8 gegen die Adler Mannheim, 0:4 gegen die Fischtown Pinguins.  
  • Während die Fights in Nordamerika immer mehr zurückgehen, gibt es in der DEL regelmäßig Faustkämpfe. Die Liga orientiert sich weiter an Nordamerika, macht die Entwicklungen aber auch in diesem Fall mit ein paar Jahren Verzögerung durch.  
  • „Greatest tradition in sports“? Ja, auch für mich ist die Handshake-Line im Eishockey da weit vorne dabei. Nach dem Spiel Mannheim gegen Augsburg fiel sie aber aus. Unschöne Höhepunkte des Spiels: Die Checks von Scott Valentine gegen Jan-Mikael Järvinen und Brady Lamb gegen Tim Stützle. Die DEL sperrte Lamb für zwei Partien und Valentine für ein Spiel.

Das war’s mit den Finishing 6. Bis nächste Woche. Habe die Ehre.