Finishing 6 – DEL-Spieltage 14 & 15

Ein Eishockeyspiel beginnt mit den Starting 6, den Rückblick auf das DEL-Wochenende gibt es hier in den Finishing 6.

#1 RUHIG BLUT, ES IST FRÜH IN DER SAISON

Keiner hat damit gerechnet, dass der EHC Red Bull München von den ersten 15 Spielen 14 gewinnt. Keiner hat damit gerechnet, dass die Adler Mannheim so schwankend in ihren Leistungen sind. Keiner hat damit gerechnet, dass die Straubing Tigers so stark starten und die Kölner Haie so schwach. Aber es ist erst gut ein Viertel der Hauptrunde gespielt, die Saison hat 52 Spiele und dann beginnt mit den Playoffs ja erst die entscheidende Phase. München wird nicht 51 von 52 gewinnen, Mannheim wird sich wahrscheinlich stabilisieren, Straubing bekommt womöglich auch mal Verletzungsprobleme, Köln … mal schauen. Auf jeden Fall gibt es wenig Grund zu Panik. Nur bei den Plätzen 12 bis 14 schwindelt die Tabelle glaube ich nicht. Für die Schwenninger Wild Wings, die Krefeld Pinguine und die Iserlohn Roosters wird es schwer, die 1. Playoff-Runde zu erreichen.

#2 ERFOLGSREZEPT NR. 1: NORD/SÜD STATT OST/WEST

Wisst Ihr noch, als in München Dominik Kahun, Frank Mauer und Mads Christensen eine der besten Sturmreihen der Liga bildeten? Sie setzten sich im gegnerischen Drittel fest, ließen die Scheibe laufen, wechselten die Positionen, immer auf der Suche nach der perfekten Schussposition – und irgendwann kam der Pass in den Slot dann auch. Die Scheibe ging von rechts nach links, von Ost nach West, München dominierte Spiele (auch) mit dem sogenannten „Cycle“ im gegnerischen Drittel. Diese Zeiten sind vorbei. Spätestens mit der Rekordsaison der Adler Mannheim 2018/19 hat sich ein anderer Spielstil in der Liga durchgesetzt: Schnelles Umschalten, direktes Spiel zum Tor, „Transition“ statt „Cycle“, Nord/Süd statt Ost/West. Ich habe keine Zahlen, um das zu beweisen, das Tracking aller Tore ist mir (noch?) zu aufwendig. Aber der Kollege Hannes Modes weist in diesem Artikel auf www.hauptstadteishockey.com nach, dass die Eisbären Berlin vor allem mit ihrem Umschaltspiel erfolgreich sind. Auch Düsseldorf macht das gut, Mannheim hat diesen Spielstil ja etabliert und zeigt ihn weiter, die Straubing Tigers haben auch deswegen so gute Schussstatistiken, weil sie immer wieder schnell den Abschluss suchen. Und die Münchner? Haben sich schnell angepasst und sind ebenfalls oft mit ihren Umschaltspiel erfolgreich.

#3 ERFOLGSREZEPT NR. 2: TIEFE

Unter den besten zehn Scorern der DEL finden sich mit Chad Costello (Krefeld Pinguine/3.), Jamie MacQueen (Schwenninger Wild Wings/7.), Adam Payerl (Augsburger Panther/8.), Anthony Rech (Grizzlys Wolfsburg/9.) und Wayne Simpson (ERC Ingolstadt/10.) fünf Spieler, deren Mannschaften aktuell nicht in der oberen Tabellenhälfte stehen. In der Vorsaison hatte keiner der vier Halbfinalisten einen Spieler unter den besten zehn Scorern der Hauptrunde. Eishockey ist DIE Mannschaftssportart schlechthin, nicht einzelne Starspieler machen den Unterschied, Tiefe heißt das Zauberwort. Die erfolgreichen Mannschaften schaffen es, die Eiszeit gut auf alle Spieler zu verteilen und bekommen Scoring von mehreren Reihen. Bei München, Mannheim und Bremerhaven haben zehn Spieler einen Punkteschnitt von über 0,5 pro Partie, bei Straubing und Berlin sind es neun. Auffällig schlecht ist die Tiefe bei den Kölner Haien, nur Jason Akeson und Verteidiger Kevin Gagné kommen aktuell auf einen Punkteschnitt von über 0,5 pro Partie.

Die Teams, die Tiefe im Scoring haben, verteilen auch die Eiszeit am besten. Bei den Adlern Mannheim sind alle Spieler unter 19 Minuten pro Partie. Ein Anzeichen dafür, dass die Spieler frischer sein werden als anderswo, wenn es ab Dezember richtig rund geht. Bei München ist es ähnlich, nur Konrad Abeltshauser sticht mit 20:42 Minuten pro Spiel ein wenig heraus. Straubing schafft es in dieser Saison besser als 18/19, die Eiszeit auf das ganze Line-up zu verteilen. Auch Nürnberg macht da einen guten Job. Ob Ryan O’Connor und Chris Rumble von den Iserlohn Roosters sowie Kevin Gagné von den Kölner Haien Eiszeiten von über 25 Minuten pro Spiel über eine ganze Saison durchstehen können, kann man dagegen zumindest bezweifeln.  

#4 „ERFOLGSREZEPT“ NR. 3: VERLETZUNGSFREIHEIT

Die Straubing Tigers sind in dieser Saison auch deswegen so gut, weil sie fast ohne Verletzungen geblieben sind. Das kann sich schnell ändern, am Sonntag beim 7:3 gegen die Augsburger Panther mussten mit Kael Mouillierat, Travis Turnbull und T.J. Mulock drei Spieler vorzeitig vom Eis, sie fallen wohl erst einmal aus. Die „kleineren“ Teams in der Liga können Ausfälle nur schwer kompensieren. Bei den Krefeld Pinguinen hätte eigentlich Justin Hodgman Daniel Pietta & Co. bei Scoring und Eiszeit entlasten sollen, er hat verletzungsbedingt aber erst vier Spiele bestritten. Bei den Fischtown Pinguins fehlt Spielmacher Mark Zengerle seit dem neunten Spieltag verletzt. Bremerhaven gewann in dieser Phase zwar vier von sieben Spielen, langfristig wird man Zengerles Ausfall aber nur schwer auffangen können.

#5 PANTHER ZWISCHEN ZAHNLOS UND AUF DEM ZAHNFLEISCH

Auch bei den Augsburger Panthern fällt mit Drew LeBlanc derzeit der Spielmacher verletzt aus. Den Panthern fehlen ohne ihren Topscorer die spielerischen Lösungen. Dass es beim Vorjahreshalbfinalisten noch nicht so richtig rund läuft, lässt sich aber nicht nur durch Leblancs Verletzung erklären. Auch bei den anderen beiden Erfolgsrezepten Umschaltspiel und Tiefe fehlen den Augsburgern wichtige Zutaten. Das Transition Game war in den vergangenen Jahren eine der großen Stärken der Panther. Sie schafften es, durch kurze, geschickte Pässe hinter der eigenen Grundlinie den Forecheck-Druck der Gegner wegzunehmen, Räume zu öffnen und dann mit wenigen Pässen nach vorne zu kommen. Aktuell verlieren die Panther zu viele Scheiben um das eigene Tor herum. Die Sicherheit in die Aufbaupässe und damit auch die Sicherheit in das eigene System ist verlorengegangen. Dazu haben die Panther den Weggang von Matt White, der mit seinem Tempo für das Augsburger Umschaltspiel stand, nicht kompensieren können. Mitch Callahan ist ein komplett anderer Spielertyp, wartet immer noch auf sein erstes Tor und ist noch überhaupt nicht in der Liga angekommen.

Die Champions Hockey League hat in den Beinen und im Kopf sicher Kraft gekostet. Umso unverständlicher ist es, dass die Panther am Sonntag in Straubing nicht konsequenter mit vier Reihen spielten. Straubing war durch die Ausfälle von Mouillierat, Turnbull und Mulock stark dezimiert, Jakob Mayenschein (9:37), Alex Lambacher (9:18) und Marco Sternheimer (8:49) bekamen aber erst hinten raus mehr Eiszeit. Da war das Spiel schon verloren.

#6 FINISHING UP

  • Der beste Torwart der Liga steht bei der Düsseldorfer EG zwischen den Pfosten: Mathias Niederberger hat eine überragende Save-Percentage von 94,09 %, sein Gegentorschnitt liegt bei 1.66, beim 6:0-Sieg in Bremerhaven gelang ihm schon der dritte Shutout.
  • „Tim Stützle ist 17 Jahre alt, ich spiele seit 19 Jahren in der DEL“: Christoph Ullmann bestritt gegen Straubing sein 900. DEL-Spiel. Zuvor gegen Schwenningen war ihm sein erstes Saisontor gelungen.
  • Maximilian Gläßl (Straubing Tigers) war der zwölfte deutsche U23-Spieler, der in dieser Saison sein erstes DEL-Tor erzielte.
  • Sean Backman erzielte in seiner ersten DEL-Saison 24-Hauptrundentore, in seiner zweiten nur noch 13. Aktuell steht er bei einem Treffer und saß am Wochenende zweimal als überzähliger Spieler auf der Tribüne.
  • Mike Connolly war zwischenzeitlich in vier Spielen ohne Scorerpunkt geblieben. Gegen Augsburg gelang ihm in seinem 300. DEL-Spiel ein Shorthander. Connolly ist nicht nur einer der besten Spielmacher der Liga, er hat sich zu einem kompletten Spieler entwickelt, der in allen Spielsituationen verlässlich ist.
  • Das Karriere-Ende von Zwei-Wege-Monster Michael Wolf kann der EHC Red Bull München bisher gut kompensieren. Auffällig: Patrick Hager steht pro Partie in Über- und Unterzahl jeweils über drei Minuten auf dem Eis – als einziger Stürmer der Liga, das schaffen sonst nur die beiden Düsseldorfer Verteidiger Marco Nowak und Nicholas Jensen.

Das war’s mit den Finishing 6. Bis nächste Woche. Habe die Ehre.