Finishing 6 – DEL-Spieltage 16 & 17

Ein Eishockeyspiel beginnt mit den Starting 6, den Rückblick auf das DEL-Wochenende gibt es hier in den Finishing 6.

#1 ZEIT FÜRS ERSTE ZWISCHENFAZIT

Die Deutschland-Cup-Pause ist die erste Zäsur in der Hauptrunde, jeder hat mindestens einmal gegen jeden gespielt. Außer der deutlichen Tabellenführung des EHC Red Bull München ist nichts in Stein gemeißelt, aber erste Tendenzen lassen sich erkennen.

1. EHC Red Bull München: Startrekord mit elf glatten Siegen in Serie, schnelles, geradliniges Eishockey, verbessertes Powerplay, Scoring von allen Reihen, starke Leistungen von beiden Goalies. Bombensaison bisher.

2. Straubing Tigers: Neben München DIE Story der Saison, hier schon oft thematisiert (checkt die anderen Finishing 6). Underdog-Eishockey ist Vergangenheit in Straubing, die Tigers treten wie ein Spitzenteam auf. Beste Offensive, beste kombinierte Special-Teams-Quote. Herausragende Scorer wie Connolly und Williams, aber auch viel Tiefe.

3. Düsseldorfer EG: „Didn’t miss a beat”, die vielen Abgänge gut verkraftet. Reid Gardiner ligaweit einer DER Transfers des Sommers, die Chemie mit Alex Barta und Maxi Kammerer stimmt. Auch dahinter mehr Scoring, Adam/Olimb/Nehring überzeugen. Gute Special Teams. Mathias Niederberger ist der beste Torwart der Liga.  

4. Adler Mannheim: Schon 19 Punkte Rückstand auf München. Licht und Schatten, die Zugänge zünden noch nicht, Probleme in Defensive und Unterzahl schwer zu erklären (siehe weiter unten). Das Powerplay dafür von beiden Formationen bandgefährlich. Zu wenig Scoring von allen Verteidigern, die nicht Mark Katic heißen. Tim Stützle ist dafür ein Geschenk (mehr dazu ebenfalls weiter unten).

5. Pinguins Bremerhaven: Gefestigte Mannschaft mit klarem System. Selbst der Ausfall von Spielmacher Mark Zengerle kann kompensiert werden. Außer im Penaltykilling in keiner Kategorie herausragend, aber eben auch in keiner schwach. Tomas Pöpperle schon mit drei Shutouts. Wieder Playoff-Kandidat, eigentlich unfassbar.

6. Eisbären Berlin: Vor allem zu Hause eine Macht, von den sechs Spielen nur gegen München verloren. Starkes Umschaltspiel, das Scoring ist ordentlich über die Reihen verteilt. Lukas Reichel ist nach Tim Stützle der beste Scorer unter den U23-Spielern, sechs Tore schon für den 17-Jährigen, Bestwert unter den Youngsters. Die Special Teams sind ausbaufähig.

7. Thomas Sabo Ice Tigers: Trotz arger Verletzungssorgen in Schlagdistanz zu den Top6. Bestes Penaltykilling der Liga bei Quote (89,3 %) und Gegentoren (acht). Daniel Fischbuch blüht auf, mit Eugen Alanov und Andreas Eder stellen zwei jüngere deutsche Spieler ihre DEL-Tauglichkeit unter Beweis. Der neu eingeschlagene Weg funktioniert fürs Erste.

8. ERC Ingolstadt: Mit etwas besserer Heimbilanz (nur acht Punkte aus zehn Spielen) wäre man da, wo man gefühlt hingehört, irgendwo zwischen Top4 und Top6. Außer Wayne Simpson und Kris Foucault haben die Zugänge Luft nach oben. Foucault wohl der eleganteste Spieler der Liga. Koistinen könnte das auch sein, lässt aber austrudeln und/oder ist verletzt. 

9. Kölner Haie: Eine der Enttäuschungen der bisherigen Saison, zuletzt aber verbessert. Siege gegen Düsseldorf oder Mannheim zeigen das Potenzial. Die Offensive zu oft mit Ladehemmung, mit exakt zwei Toren pro Spiel haben die Haie hier den schwächsten Wert. Hinter Jason Akeson und (Verteidiger!) Kevin Gagné zu wenig Scoring. Mehrere knappe Niederlagen, zuletzt zwei knappe Siege. Hannibal Weitzmann rules.   

10. Iserlohn Roosters: Zehnter und damit da, wo sie sein wollen. Anfangs zu abhängig von Torwart Anthony Peters, der zuletzt teilweise nicht mehr so souverän wirkte wie zu Beginn der Saison. Die schlechtesten Schussstatistiken der Liga, das schwächste Überzahl, die schlechteste Tordifferenz in den Special Teams. Aber immer wieder Ausrufezeichen wie das 7:5 gegen Mannheim oder zuletzt das 4:1 gegen Nürnberg.

11. Grizzlys Wolfsburg: Zu viele leichte Fehler im Aufbau kosten die Grizzlys einige Punkte. Auch die Special Teams funktionieren nicht wirklich gut. Unter den Zugängen sind vor allem Anthony Rech und Mathis Olimb die Lichtblicke. Ryan Buttons Verletzung – er fällt seit dem siebten Spieltag aus – schmerzt. Felix Brückmann auf dem Weg zu alter Form, schon zwei Shutouts.

12. Augsburger Panther: Neben den Kölner Haien die Enttäuschung der ersten Saisonphase. Mit (fast) gleichem Personal wie in der Vorsaison vor allem in Defensive und Unterzahl nicht annähernd so gut wie in der Vorsaison. 56 Gegentore sind Ligatiefstwert, die 19 Gegentore in Unterzahl werden nur von Mannheim über- oder besser gesagt unterboten. Ohne Drew Leblanc sind die Panther spielerisch nicht mal die Hälfte wert, Mitch Callahan statt Matt White ist eine deutliche Verschlechterung. Mut gibt nur das Powerplay um Simon Sezemsky und Adam Payerl (sieben und vier Überzahltore).

13. Krefeld Pinguine: Gesellschafter-Hick-Hack abseits des Eises, zwischenzeitlich neun Niederlagen in Folge auf dem Eis. Aber zuletzt mit Siegen gegen Düsseldorf und Mannheim wieder im Aufwärtstrend. Verletzungen wie die von Torwart Jussi Rynnäs oder Center Justin Hodgman können die Pinguine nicht längerfristig auffangen. Was geht, wenn (fast) alle fit sind, zeigte das vergangene Wochenende. Die Pinguine haben etwas mehr Tiefe, das Duo Pietta/Costello ist immer gefährlich, Besse, Hospelt und Braun sind gelungene Transfers.

14. Schwenninger Wild Wing: Sehr abhängig vom Powerplay, im Fünf-gegen-fünf geht zu wenig. Dustin Strahlmeier ist mittlerweile anzumerken, dass er über Jahre hinweg „weichgeschossen“ worden ist. Mit Jamie MacQueen gelang zwar einer der Königtransfers, auch Pat Cannone erfüllt die Erwartungen. Aber den Weggang von Spielern wie Rech, Höfflin oder Bittner haben die Wild Wings in der Breite nicht auffangen können. Manager Jürgen Rumrich hat genug, am Saisonende ist für ihn Schluss.

#2 STEILE THESE ZU DEUTSCHLANDS TORHÜTERN

In der 101. Episode der Shorthanded News war es Thema, im Fußball kommt es immer wieder auf den Tisch, aktuell ist es im Eishockey so offensichtlich wie selten zuvor: Deutschland hat kein Torwart-Problem. Zwei Thesen dazu, die erste etwas steiler.

1. Das Torwartspiel basiert auf Athletik und mentaler Stärke, beides fehlt deutschen Profisportlern in der Regel nicht. Die Technik hat nicht in erster Linie mit Kreativität zu tun, sondern mit einem festen System, einem gut geordneten Werkzeugkasten. Dass der Spielwitz in der Ausbildung zu oft zu kurz kommt oder gekommen ist, spielt bei den Torhütern keine Rolle.
2. Auf der Torwart-Position gibt es eine höhere Durchlässigkeit für deutsche Spieler, weil sich viele Teams die Ausländerlizenz auf dieser Position sparen. Und wenn nicht, wird die Back-up-Position von einem Deutschen besetzt. Es gibt pro Team damit mindestens einen deutschen Torwart mit viel Verantwortung. Feldspieler haben oft Rollen, in denen sie sich nicht weiterentwickeln können und versinken im Line-up.

In den Top 10 der Fanquoten sind aktuell nur drei nicht gebürtige Deutsche. Mit aus den Birken/Reich (München), Niederberger/Hane (Düsseldorf), Pielmeier/Reimer (Ingolstadt), Treutle/Langmann (Nürnberg) und Strahlmeier/Sharipov (Schwenningen) gibt es fünf deutsche Torwart-Duos. Kurios ist die Situation in Mannheim, wo Johan Gustafsson derzeit klar die Nummer zwei hinter Dennis Endras ist und damit als Back-up eine Ausländerlizenz auf dem Feld „blockiert“. Spannend wird sein, ob das nach Gustaf Wesslaus Rückkehr auch in Köln passiert. Hannibal Weitzmann in der aktuellen Form ist zu gut für die Bank.

#3 MANNHEIMER MISERE

1:6 gegen die Schwenninger Wild Wings, 5:7 gegen die Iserlohn Roosters, jetzt 3:6 gegen die Krefeld Pinguine – Pleiten der Adler Mannheim, die wohl doch irgendwie mit der Einstellung zu tun haben. Der Deutsche Meister geht mit drei Niederlagen in Folge in die Deutschland-Cup-Pause. Gegen Krefeld gab es die Gegentore 19 und 20 in Unterzahl, das ist Ligatiefstwert. „Wir haben fast die gleichen Leute wie letzte Saison da, die Unterzahl spielen. Aber manchmal fehlen die Kleinigkeiten. Das wird bitter bestraft und das ist auch gut so, weil wir uns verbessern müssen“, sagt Trainer Pavel Gross vor der Partie gegen Krefeld am Magenta-Sport-Mikrofon. 54 Mal hat es schon im Tor der Adler eingeschlagen, über drei Mal pro Spiel. Viel zu oft. Die Pfiffe, die es vor allem in der zweiten Drittelpause des Spiels gegen die Pinguine gab, sind nachvollziehbar. Die Adler-Fans begleiteten die Mannschaft am Freitag mit 23 (!) Fanbussen nach Köln, gegen Krefeld kamen über 12.000 Zuschauer. Geboten bekamen sie wenig.

Im Heimspiel gegen die Krefeld Pinguine war die Mannheimer Konteranfälligkeit offensichtlich. Immer wieder stürmten die Adler nach vorne, vergaßen aber, den aggressiven Forecheck abzusichern. Rund um das eigene Tor fehlte die letzte Gier, den Rebound zu klären, die Pinguine waren meistens einen Schritt schneller.

#4 STÜTZLE-WATCH

Tim Stützle ist als einer von wenigen Mannheimern in jedem Wechsel gierig auf die Scheibe. Faszinierend, wie oft er weiß oder ahnt, wo der Puck landen wird. Stützle spielt dann Hase und Igel: „Ich bin schon hier!“ Wenn er die Scheibe am Schläger hat, verteilt er sie schnell und genau, bietet sich wieder an, passt den Puck wieder mit Tempo. Im Backcheck arbeitet Stützle hart. Es ist ihm anzumerken, dass er in jedem Wechsel auf sich aufmerksam machen will. Und noch eine Fähigkeit hat er, auf die langsam aber sicher auch in Deutschlands Nachwuchsarbeit Wert gelegt wird: Stützle traut sich etwas zu und versucht, kreativ zu sein, anstatt immer das „High percentage play“ zu wählen. Nicht immer gelingt ihm der Trick, manchmal verliert er die Scheibe. Aber er scheint von Trainern und Mitspielern darin bestärkt zu werden, es beim nächsten Mal wieder zu versuchen. Das wird sich in naher Zukunft auszahlen, ganz bestimmt. Vielleicht schon in der Endphase dieser Saison werden wir einen Tim Stützle auf noch höherem spielerischen Niveau sehen.

In diesem Thread gibt es ein paar Zahlen und den genaueren Blick auf einige von Stützles Wechseln im Spiel bei den Kölner Haien.

#5 KREFELDER KONTERTAKTIK

Krefeld in Mannheim, wie eine Nähmaschine mit Wackelkontakt: Alle paar Minuten ein Nadelstich. Dafür aber präzise.

Das eigene Tor verteidigten die Pinguine mit viel Leidenschaft. So gab es das zweite Sechs-Punkte-Wochenende der Saison, auch das Straßenbahnderby gegen Düsseldorf am Freitag hatte Krefeld gewonnen. Ein Faktor für den Aufwärtstrend ist die Rückkehr von Justin Hodgman, der dem Line-up mehr Tiefe gibt. Zwar trafen am Wochenende wieder einmal Chad Costello und Grant Besse (beide mit den Saisontoren 8 und 9), aber auch das so lange gesuchte Secondary Scoring bekamen die Pinguine. Phillip Kuhnekath erzielte am Wochenende zwei Tore, so viele wie in seiner kompletten DEL-Karriere zuvor. Auch Kai Hospelt traf, dazu gab es Verteidigertore durch Phillip Bruggisser, Mark Cundari und Alex Trivellato.

#6 FINISHING UP

  • Steffen Tölzer ist neuer Augsburger Rekordspieler, mit seinem 706. Einsatz für die Panther löste er am Freitag in Ingolstadt Duane Moeser ab. Ob er sich die „706“ neben das Curt-Frenzel-Stadion auf den rechten Oberarm tätowieren lässt, ist nicht überliefert.
  • Dennis Endras stand am Freitag zum 500. Mal bei einem DEL-Spiel zwischen den Pfosten, unter den Torhütern liegt nur Ian Gordon (708) noch vor ihm. Interessante Statistik am Rande: Gordon machte während seiner Karriere in acht Spielzeiten 50 oder mehr Partien, Endras in zwei. 
  • Marcel Müllers Overtime-Winner gegen Ingolstadt war der erste Treffer seit Januar 2018 für den lange verletzten Torjäger. Dazu beendeten Ben Hanowski und Jon Matsumoto mit ihren zweiten Saisontoren lange Durststrecken, Zach Sill traf zum ersten Mal in der DEL, Lucas Dumont zum ersten Mal in dieser Saison.
  • Der Club der „U23-Tor-Debütanten“ hat ein neues Mitglied: Dem 19-jährigen Tim Fleischer von den Iserlohn Roosters gelang gegen die Schwenninger Wild Wings im zwölften DEL-Spiel sein erstes Tor.
  • Mitchell Heard fiel bei den Straubing Tigers lange vor allem durch seine (übertriebene) Härte auf. In den vergangenen sieben Spielen hat er nur einmal nicht gepunktet.
  • Hier geht’s oft im Zahlen, zum Abschluss noch zweimal um Emotionen. Vielleicht werden wir irgendwann auf die Derbys der Kölner Haie und der Krefeld Pinguine gegen die Düsseldorfer EG zurückschauen und erkennen, dass Köln und Krefeld mit ihren Siegen den Turnaround in der Saison geschafft haben. Unterschätze niemals die befreiende Wirkung solcher Siege.
  • Gute Besserung Jeff Tomlinson mit Hockey Culture at its very best bei den SC Rapperswil-Jona Lakers:

Das war’s mit den Finishing 6. Bis nächste Woche. Habe die Ehre.