Finishing 6 – DEL-Spieltage 36 & 37

Ein Eishockeyspiel beginnt mit den Starting 6, den Rückblick von Christoph Fetzer auf das DEL-Wochenende gibt es hier in den Finishing 6. Der Autor ist auch auf Twitter, Instagram und Facebook zu finden.

#1 AUFSTIEG! DIE DEUTSCHE U18 IST WIEDER ERSTLKLASSIG

Ich war vergangene Woche zweimal in Füssen, um die U18-Weltmeisterschaft der Frauen zu kommentieren. Ich habe die Siege gegen Ungarn und Frankreich miterlebt. Am Ende holte die Mannschaft von Bundestrainerin Franziska Busch fünf Siege aus fünf Spielen – den letzten gegen Absteiger Japan – und stieg wieder in die Top-Division auf.

Ich kenne keine Sportart, die in den vergangenen zehn Jahren so eine positive Entwicklung durchgemacht hat wie das Frauen-Eishockey. Das habe ich mir schon während er Olympischen Spiele 2018 gedacht, als ich die Spiele geschaut und kommentiert habe. Bei der U18-WM in Füssen waren teilweise 15-Jährige auf dem Eis. Das Skating war smooth, das Stickhandling gut, das taktische Verständnis hoch. Auch die Schüsse – aus meiner Sicht im Nachwuchseishockey das, woran man am besten erkennt, dass die Spieler noch nicht ganz ausgereift sind – waren teilweise satt. Kurz: Das Zuschauen hat richtig Spaß gemacht.

Noch ein Wort zur Härte: Wer denkt, Frauen spielen körperlos Eishockey, irrt sich gewaltig. Gerade im Spiel gegen Ungarn war ordentlich Dampf drin und es hat hinter den Toren ein paar Mal richtig gekracht. Von wegen „Checkverbot“.

Ich will aus der deutschen Mannschaft eigentlich keine Spielerin herausheben, zu gut war die Mannschaftsleistung. Aber eine ist mir dann doch ganz besonders aufgefallen: Verteidigerin Ronja Hark vom ESV Kaufbeuren. Sie war in der Defensive immer in Position, hatte die Scheibe gerne am Schläger, hat das Gefühl dafür, wann sie Situationen spielerisch lösen kann und wann nicht. Dazu ist sie offensivfreudig und spielt in Überzahl sogar vor dem gegnerischen Tor. Ronja Hark ist der Typ moderne Verteidigerin, der dem deutschen Männer-Eishockey übrigens abgesehen von Moritz Seider momentan fehlt.

Die Kollegen vom Eishockey-Podcast 3on3 Overtime haben mit Bundestrainerin Franziska Busch und mit der deutschen Kapitänin Fine Raschke gesprochen. Hier geht’s zum sehr hörenswerten Podcast:

#2 AUS DEM GLEICHGEWICHT

Ich musste mich in den vergangenen Tagen wegen Gleichgewichtsstörungen behandeln lassen. Nichts Schlimmes, aber trotzdem: kleine, kaum erkennbare Ursache, große Wirkung. Sehr interessant, wie ein kleines Organ im Kopf so viel Einfluss haben kann. Ich habe die Ärzte natürlich ein bisschen gelöchert. Ich wollte wissen, ob auch Kopfverletzungen dauerhaft zu einem solchen Kontrollverlust über den Körper führen können – zu Gleichgewichtsstörungen, Schwindel und Problemen, sich normal zu bewegen. Ganz vergleichbar sei es nicht, es gibt wie immer verschiedene Ursachen und unterschiedlichste Symptome. Trotzdem wünsche ich keinem, solche Gleichgewichtsstörungen auch nur in einem ganz geringen Maß über einen längeren Zeitraum zu haben. Es macht einen glaube ich relativ schnell wahnsinnig. Auch, weil die Verletzung oder Krankheit einfach nicht so leicht zu greifen ist. Kopfverletzungen im Sport bleiben für mich eines der großen Themen. Man kann gar nicht oft genug auf die Gefahren hinweisen.

#3 MONEY PUCK

Ich habe mir kürzlich wieder einmal „Moneyball“ angeschaut. Jetzt, da schon wieder die ersten Gerüchte über die Eisflächen flattern, welche Spieler von finanzschwachen zu finanzstarken Teams wechseln könnten, sollte sich mancher Manager die zwei Stunden für Brad Pitt & Co. vielleicht auch einmal nehmen. Nicht nur in Straubing und Bremerhaven.

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#4 DIE DEL GEHT IN DIE CRUNCH TIME

Es hat am vergangenen Wochenende ein paar richtungsweisende Duelle für die Tabelle gegeben. Nach 37 Spieltagen und damit über zwei Dritteln der Hauptrunde würde ich mich zu folgenden Aussagen hinreißen lassen:

Top3: Der EHC Red Bull München, die Adler Mannheim und die Straubing Tigers bleiben oben. Bei München und Mannheim ist das nicht weiter überraschend. Bei Straubing hatte ich um Weihnachten rum ganz kurz Zweifel, aber die Mannschaft ist zu tief besetzt und der Vorsprung ist zu groß, um richtig abzurutschen. Dazu funktionieren die Special Teams jetzt wieder besser.

Direkte Playoff-Qualifikation: Die Eisbären Berlin, die Pinguins Bremerhaven, der ERC Ingolstadt und die Düsseldorfer EG kämpfen um den übrigen Heimrecht-Spot fürs Viertelfinale und die direkte Playoff-Qualifikation. Zu den Kölner Haien gleich mehr. Ich traue mir keine Prognose zu, wer tatsächlich unter den Top6 stehen wird. Ich kann mir gut vorstellen, dass es wieder so eng zugeht wie in der Vorsaison und die letzten Entscheidungen erst am 52. Spieltag fallen. Bremerhaven unter den Top6 und ein Viertelfinale Straubing – Bremerhaven wäre witzig. Ich mag es, wenn kleinere Mannschaften weit kommen.

1. Playoff-Runde: Die Kölner Haie orientieren sich entweder in Richtung direkte Playoff-Qualifikation oder werden noch einmal in den deutlich existentielleren Kampf um einen Platz in den Top10 gezogen. Die Haie spielen noch dreimal gegen die Thomas Sabo Ice Tigers, zweimal gegen die Augsburger Panther und einmal gegen die Grizzlys Wolfsburg. Diese direkten Duelle könnten noch einen Sog nach unten auslösen. Normalerweise sollten sich aber Wolfsburg, Augsburg und Nürnberg um die verbliebenen Plätze in den Top10 streiten. Für die Krefeld Pinguine, die Iserlohn Roosters und die Schwenninger Wild Wings ist der Playoff-Zug abgefahren.  

#5 REIMER ZUM 350. UND ANDERE TORJÄGER

Bei allem was ich sehe, lese, höre und glaube hätte es keinen Besseren erwischen können, den Negativlauf der Thomas Sabo Ice Tigers zu stoppen. Patrick Reimer knackte beim 1:0-Sieg der Ice Tigers gegen die Krefeld Pinguine als erster Spieler der DEL-Geschichte die 350-Tore-Marke. Wenn Reimer die 1000 Spiele vollmacht, wird er vielleicht auch als Erster die 800-Punkte-Marke erreichen. Wo wir gerade beim größten DEL-Torjäger aller Zeiten sind, lohnt sich vielleicht ein Blick auf die Torschützenliste.  

Trevor Parkes (EHC Red Bull München, 19 Tore): Führt die Torschützenliste an, wird wahrscheinlich einen neuen persönlichen Bestwert aufstellen und macht das, was er mit am besten kann: abfälschen und -stauben.

Jan Urbas (Pinguins Bremerhaven, 18 Tore): Der Mann für die wichtigen Tore. Seine fünf Game Winner werden nur von Düsseldorfs Maximilian Kammerer (sechs) übertroffen. Bemerkenswert: Nur vier der 18 Urbas-Tore fielen in Überzahl.

Marcel Noebels (Eisbären Berlin, 17 Tore): Schon jetzt klares Career Year bei den Toren. Hat seinen Onetimer in Überzahl entdeckt oder sich vielleicht nur zu Herzen genommen, dass Serge Aubin ihm empfohlen hat, öfter zu schießen. Ich fand ihn als verlässlichen Zwei-Wege-Spieler schon länger gut, jetzt scort er noch dazu.

Borna Rendulic (Adler Mannheim, 17 Tore): Ich hatte zu Beginn der Saison etwas mehr von ihm erwartet. Hat etwas gebraucht, um in Fahrt zu kommen. Sechs Tore in den ersten 17 Spielen, seitdem elf in 18. Super Power Forward, Hammer-Schuss. Von den Spielern, die seit Anfang der Saison da sind, hat er den besten Wert bei Toren pro 60 Minuten Eiszeit (2.02).

Jeremy Williams (Straubing Tigers, 17 Tore): Der konstanteste Torjäger der vergangenen Jahre. Mit 16 Toren bei Even Strength mit dem besten Wert. Hat sein Spiel etwas adaptiert, kommt nicht mehr in erster Linie über den Onetimer, sondern schnalzt die Scheibe immer öfter rein, wenn er sie länger am Schläger hatte.

#6 FINISHING UP

  • Antwort zur Trivia aus der Vorwoche: Mirko Höfflin wurde 2010 an 151. Position von den Chicago Blackhawks gedraftet, David Elsner im gleichen Jahr an 194. Position von den Nashville Predators.
  • Neue Trivia: Wo stand der bisherige Karriere-Bestwert von Marcel Noebels bei Toren in einer Hauptrunde? Die Antwort am besten ohne Google, entweder in die Kommentare oder bei Twitter (@fetzi6).
  • Die längsten Scoring-Streaks der Saison endeten für Mixa Järvinen (2 Tore / 9 Assists) und David Elsner (6 Tore / 4 Assists) nach acht Spielen. Drew Leblanc hat in dieser Saison schon einen persönlichen Scoring-Streak von neun Spielen gehabt, allerdings zwischendrin ein paar Spiele verpasst. Jan Urbas und Marcel Müller scorten auch schon einmal in acht Spielen in Folge.
  • Im Alter von 36 Jahren spielt Fredrik Eriksson offensiv eine herausragende Saison. Die zehn Verteidigertore werden nur von Maury Edwards (13) übertroffen.
  • David Wolf erzielte beim 7:2 gegen die Pinguins Bremerhaven zum ersten Mal in seiner DEL-Karriere vier Tore. Kaum ein anderer dominiert den Slot so wie er, dazu ist er für mich die Idealbesetzung der „Bumper“-Position im Powerplay und mir fällt aus dem Stegreif ligaweit auch kein besserer Puck-Rückeroberer ein. Power Forward mit super Händen.
  • Jeremy Welsh und Jacob Lagacé kamen nach Krefeld, um das Secondary Scoring aufzumotzen. Jetzt kommen die Tore und Punkte langsam, aber es ist wohl zu spät.
  • Tim Stützle steht auch wegen der U20-WM „nur“ noch auf Platz 59 der DEL-Scorerliste. Aber rechnet man das gegen seine Eiszeit sieht es deutlich besser aus: Seine 3.29 Punkte pro 60 Minuten reichen für Platz acht. Mirko Höfflin unterstreicht hier seine herausragende Saison mit dem 13. Platz.
  • Der ERC Ingolstadt und Ville Koistinen haben sich auf eine Vertragsauflösung geeinigt.
  • Ich schaue immer mal wieder auf die Form-Tabelle und habe mir einen Zeitraum von fünf Spielen zurechtgelegt. Bei der Special-Teams-Quote und der Tordifferenz in Über- und Unterzahl sind München (117 % / +5) und Mannheim (120 % / +3) on fire.
  • Die Kölner Haie sind mittlerweile acht Spiele in Folge ohne Powerplay-Tor (0/34). Zu Saisonbeginn hat der Spielzug Pass Gagné -> Onetimer Akeson gut funktioniert. Vielleicht ist es an der Zeit für „Keep it simple, stupid.“

Das war’s mit den Finishing 6. Bis nächste Woche. Habe die Ehre.